AUS DER PRAXIS
 

Abt Albert Altenähr OSB, Kornelimünster

Selbstverständnis und Selbsterfahrung 
der Arbeitsgemeinschaft Benediktineroblaten


Ein Orientierungsversuch


Auf der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Benediktineroblaten in St. Ottilien wurde in der Pfingstwoche diesen Jahres ein neuer Vorstand und ein neuer Vorsitzender gewählt. Die folgenden Überlegungen sind eine Momentaufnahme, wie sie mir als dem neu gewählten Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft kurz nach Übernahme der Amtes aufblitzt. Sie sind ein erstes persönliches Vortasten in die neue Aufgabe. Die Überlegungen wollen eine Anregung zur Diskussion im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft, mit den Oblatenrektoren/innen, in den einzelnen Oblatengemeinschaften und in den Klöstern selbst sein. In ihrer Unfertigkeit sind die Überlegungen sicher korrektur- und ergänzungsbedürftig. Eine Horizonterweiterung wird es aber nur im Gespräch miteinander geben. Dazu möchte dieser Beitrag einladen. 

Das Statut von Münsterschwarzach 1998

Vor allem im Zusammenhang mit Fragen der Kassenführung war in den Jahren vor 1998 der Wunsch nach einem Statut lebendig geworden, das die Arbeitsgemeinschaft in klare Linien gegenüber allen zivilen Institutionen, z.B. den Finanzbehörden, hineindefiniert. Als zivilrechtliche Konstruktion wurde die Struktur eines nicht-eingetragenen Vereins gewählt. Die erarbeiteten und beschlossenen Statuten bringen einerseits durchaus Wesentliches zum Ausdruck, andererseits können und wollen sie auch nicht alles zum Ausdruck bringen. Sie sind der zivilrechtliche Unterbau für das spirituelle Anliegen, das wir als Oblaten anzielen. 

Die vereinsrechtliche Orientierung der Statuten ist keine Aussage, daß wir ein „Verein" sind oder sein wollen, wie unsere deutsche Umgangssprache das Wort oft im negativen Sinn gebraucht. Wer das so versteht, vermischt unbewußt die (zivil-)rechtliche mit der umgangssprachlichen Sprachebene.

Die vereinsrechtliche Orientierung der Statuten der Arbeitsgemeinschaft ist – um es „hoch" zu hängen – der Tribut an die johanneische Aussage, daß wir zwar nicht von der Welt sind, aber doch in der Welt leben. Daß sich irdisch-rechtliche und spirituelle Ordnungen ergänzen und gelegentlich zueinander auch in Konkurrenz treten, können wir gerade in den Orden auf vielfältige Weise erkennen. Wir Benediktiner haben die Benediktregel, die Hoch-Spirituelles mit sehr irdischem Klein-Klein zusammenbindet. Es gibt das allgemeine Kirchenrecht des Codex Iuris Canonici. Das Kirchenrecht verlangt daneben von jeder Kongregation unseres Ordens Konstitutionen, die von Rom gebilligt sein müssen. Wir Sublazenser kennen zu den Konstitutionen ergänzend die „Ordinationen der Generalkapitel." Andere Kongregationen kennen das „Directorium Spirituale" neben den Konstitutionen. Im zivilrechtlichen Bereich sind unsere Klöster als Vereine, GmbH's o.a. organisiert. Alle diese Ordnungen wollen Hilfen auf dem Weg zum Wesentlichen sein, das sich mit keiner Formulierung „in den Griff" bekommen läßt. Um es mit Hilde Domin auszudrücken: Es geht um „Das Nicht-Wort – ausgespannt zwischen Wort und Wort." 

Die spirituelle Heimat der Oblaten und Oblatengemeinschaften

Wie der einzelne Benediktinermönch sich an eine ganz bestimmte Abtei (oder Priorat) der Benediktinerkonföderation bindet – also im strengen Sinn nicht unmittelbar in den „Benediktinerorden" eintritt –, so tritt auch der einzelne Oblate durch seine Oblation in eine Beziehung zu einem bestimmten Kloster. Von diesem Kloster und seiner Ausprägung erhofft er sich Bereicherung und Stütze für sein Leben als Christ. Diesem Kloster widmet er sein Engagement. Es ist der Ort seiner spirituellen Verwurzelung. Im Wechselspiel zwischen dem einzelnen Oblaten und seinem Kloster entfaltet sich die benediktinische Spiritualität des Oblaten. 

Wenn die gerade angedeutete zentrale Mitte der Oblation die Bindung des Oblaten an sein Kloster ist, dann heißt das auch, daß der Oblate, streng genommen, nicht in eine Oblatengemeinschaft aufgenommen wird, – auch nicht in die seines Klosters. Die Oblatengemeinschaften sind keine in sich selbst stehenden, keine selbständigen Größen. Das äußert sich u.a. darin, daß nicht die Oblatengemeinschaften die neuen Oblaten aufnehmen, sondern das Kloster in der Person des Abtes bzw. des von ihm beauftragten Oblatenrektors. Es ist also sehr wohl denkbar, – wenngleich sicher nicht wünschbar, – daß das Band einzelner Oblaten zur Oblatengruppe des Klosters sehr dünn ist.

Die natürlichere und gewiß zu fördernde Situation ist das Treffen und Zusammenfinden der Oblaten in einer oder auch vielen Gruppen. Bei aller Nähe und An- und Einbindung in ihr Kloster sind die Oblaten doch weder Mönche noch Nonnen. Sie wollen benediktinischen Geist in der Welt ihres Alltags leben. Diese Welt (oder Welten) des Alltags haben die Oblaten untereinander gemein und diese ihre Welt des Alltags unterscheidet ihr Leben von dem der Mönche und Nonnen in ihren Heimatklöstern. Das Suchen nach dem benediktinischen Weg in der alltäglichen Welt kann im Austausch der – wie ich sie jetzt einmal nennen möchte – „Welt-Benediktiner" untereinander wesentlich bereichert werden. Hier liegt die Chance zur benediktinischen Fruchtbarkeit der jeweiligen Oblatengemeinschaften. 

Weder ein einzelnes Kloster, – auch nicht die Klöster einer Kongregation, – geschweige denn die vielen Klöster der benediktinischen Konföderation (also des Gesamtordens) sind schlicht und einfach homogen im Sinne der Uniformität. Sowohl im horizontalen Jetzt als auch in der Vertikale der Geschichte gibt es die Pluralität der Ausprägung dessen, was benediktinisch ist. Die plurale Wirklichkeit des Ordens ist seine Stärke und zugleich seine Schwäche. Das ist bei den Oblaten und den Oblatengemeinschaften nicht anders.

Auch in den einzelnen Oblatengemeinschaften wird es Entwicklungen aufgrund allgemeiner Zeitströme (etwa Jugendbewegung, Nachkriegszeit, postkonziliare Krise, neue Spiritualitätssehnsucht) und individueller Lebensgeschichten und Lebensumstände (etwa Familienstand, Berufsweg) geben. Sie spiegeln sich in schwankenden Aufnahmezahlen, unterschiedlichen Aufnahmekriterien und dann auch in Spiritualitätsakzentuierungen wider. Ebenso wird der jeweilige Oblatenrektor mit seinen Gaben und Grenzen, – ob er lange im Amt ist und somit in der Aufgabe wachsen kann oder ob er rasch wechselt, – ob er den Rektorendienst als „Full-time-Aufgabe" oder nur „im Nebenbei" – etwa weil er selbst auch noch Abt ist – wahrnehmen kann etc. etc., die Oblaten des Klosters und die Oblatengemeinschaft prägen. Und ganz allgemein und überhaupt: jedes Kloster zieht mit seiner Ausprägung seine Oblaten an, während es andere Suchende sich woanders hin orientieren lassen muß. Um es zusammenzufassen: es gibt nicht die Oblaten des hl. Benedikt im Sinne einer klosterübergreifenden Monodimensionalität. Der benediktinische Leisten für den „Oblaten-Schuh" ist sehr weit angelegt. Um diese Weite auszumessen, müßte man jede einzelne Oblatengemeinschaft – und dann in ihr noch einmal jeden Oblaten – einladen, ihr ganz eigenes Oblatenverständnis ausdrücklich auszubuchstabieren. Wahrscheinlich würde man im Ergebnis überrascht sein, wie bunt und gelegentlich auch widersprüchlich sich das eine Programm „Oblaten" deklinieren läßt. 

Die Arbeitsgemeinschaft Benediktineroblaten

Die bisherige Gedankenführung versuchte vor allem, das Heimatkloster des Oblaten und seine Oblatengemeinschaft als konkreten Quellort der Oblatenspiritualität herauszustellen. Die Arbeitsgemeinschaft Benediktineroblaten ist diesem/n Quellort/en dienend zugeordnet. Das Münsterschwarzacher Statut von 1998 hat den bis dato gebräuchlichen Namen unverändert übernommen „Arbeitsgemeinschaft Benediktineroblaten". Vielleicht hätte man das „Benediktineroblaten" im Vereinsnamen ändern sollen, denn inhaltlich ist es nicht eine Arbeitsgemeinschaft von Einzelpersonen, sondern eine Arbeitsgemeinschaft von „benediktinischen Oblatengemeinschaften", – aber lassen wir das. Wichtiger ist wohl die Charakterisierung als „Arbeitsgemeinschaft". Der Verbund der Oblatengemeinschaften ist keine neue Spiritualitätsgemeinschaft auf einer höheren Ebene. Sich das bewußt werden zu lassen, entlastet die Arbeitsgemeinschaft von verkehrten und vielleicht zu hohen Erwartungen und öffnet ihr zugleich Chancen. 

Das Statut formuliert die Ziele der Arbeitsgemeinschaft folgendermaßen:

§ 2 Aufgaben der Arbeitsgemeinschaft (Vereinszweck)
(1) Die „Arbeitsgemeinschaft Benediktineroblaten" ist ein freier Zusammenschluß von Oblatengemeinschaften im deutschen Sprachgebiet. Sie verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke im Sinne der §§ 52 ff AO. Sie dient der Förderung des Oblateninstituts, insbesondere will sie
- den Oblatenrektoren/innen Hilfen für ihre Aufgabe geben
- den Oblaten/innen Hilfen für die Verwirklichung ihres Lebens als Oblate/in bieten 
- die Verbundenheit der Oblatengemeinschaften untereinander fördern. 
(2) Die Arbeitsgemeinschaft verfolgt ihr Ziel der Pflege benediktinischer Spiritualität durch 
- Informations- und Erfahrungsaustausch, 
- durch Zusammenarbeit in den geistlichen Angeboten für Oblaten und 
- durch regelmäßige Arbeitstagungen.
(3) Die Arbeitstagungen werden insbesondere durch folgende Elemente gestaltet:
- gemeinsame Feier der Liturgie,
- Vorträge und Aussprachen über ein geistliches Thema, 
- Beratung gemeinsamer Anliegen und Aufgaben,
- Erfahrungsaustausch.

Als Ziele werden genannt: die „Förderung des Oblateninstituts", die „Pflege benediktinischer Spiritualität" und die „Verbundenheit der Oblatengemeinschaften untereinander." Zu all dem will die Arbeitsgemeinschaft „Hilfen" anbieten. Wenn man es nicht despektierlich deuten will, dann kann man formulieren: die Arbeitsgemeinschaft ist unmittelbar eine Hilfs- oder Assistenz-Organisation der Oblatengemeinschaften für- und untereinander und dann mittelbar gegebenenfalls auch für den einzelnen Oblaten. Die Erfahrung zeigt, daß die alle zwei Jahre stattfindende Arbeitstagung das wichtigste Instrument zur Verwirklichung der genannten Ziele ist. Wie bei allen ähnlich gelagerten Tagungen – ob im weltlichen oder kirchlichen Bereich –, ist auch bei der Arbeitstagung der Arbeitsgemeinschaft Benediktineroblaten vielleicht weniger das organisierte Themen-Programm der wesentliche und haften bleibende Teil der Tagung. Das Zusammensein an sich und die Gespräche, der Austausch „am Rande" machen die Tage vor aller abgehandelten Thematik wertvoll. Es ist sicher nicht Zufall, daß neben den Oblatenrektoren/innen vielfach immer wieder dieselben Oblaten-Delegierten der verschiedenen Gemeinschaften kommen und gerne kommen. Das gibt den Tagungen eine beachtliche Vertrautheit, Kontinuität und Stabilität. Daß aus der Vertrautheit miteinander sich weiterführende Informationswege aus der einen in die andere Oblatengemeinschaft öffnen, ist sicher keine gering einzuschätzende Folge der Zusammenkünfte. 

Schwieriger dürfte eine Antwort auf die Frage zu finden sein, was von den Arbeitstagungen konkret in die einzelnen Oblatengemeinschaften und ihre Spiritualität und Arbeit einfließt. Einerseits sehe ich das teilweise sehr hohe Engagement von Oblatenrektoren/innen und delegierten Oblaten/innen, andererseits warne ich mich selbst vor Illusionen. Nachgelesene Referate sind etwas anderes als gehörte, geschaute und in einer guten Atmosphäre mit-„gelebte" Referate. Narratives Wiedergeben des Gesamtensembles von Atmosphäre und Inhalten ist wahrscheinlich das wirkungsvollste Mit-Teilen des Oblaten-Geistes der Arbeitstagungen.Einen effektiven, quasi-institutionalisierten Informationsaustausch scheint es (noch) nicht zu geben. Die Fragen nach einer Präsentation der Oblaten im Internet, die auf der Tagung 2001 in St. Ottilien auftauchten, weisen auf eine Sehnsucht hin, hier aktiver zu werden. Der Vorstand der Arbeitsgemeinschaft ist sicher dazu aufgerufen, den Ball aufzugreifen, ihn gegen alle Hemmungen immer wieder ins Spiel zu bringen und im Spiel zu halten. Hier könnte eine Chance für die Oblaten selbst – zumal die jüngeren – liegen, gestaltend (hoch-)aktiv zu werden, da in diesem Bereich „die Kinder dieser Welt" bestimmt mehr zu Hause sind als „die Kinder des Lichts." 

Die offene Frage Zukunft

Die Arbeitsgemeinschaft hat sich von einer Konferenz der Oblatenrektoren/innen zu einer Vereinigung von Oblatengemeinschaften entwickelt. Die einzelnen Gemeinschaften werden auf der Mitgliederversammlung durch den/ die Oblatenrektor/in und/oder bis zu zwei Oblaten/innen vertreten (Statut § 3,1). Im Vorstand sind neben dem Vorsitzenden, der aus dem Kreis der Oblatenrektoren/innen gewählt werden muß, je drei Oblatenrektoren/innen und drei Oblaten/innen vertreten. Diese Entwicklung zur Einbeziehung der Oblaten/innen läßt sich überspitzt und schlagwortartig als Schritt von einer „betreuenden Spiritualität" für die Oblaten zu einer von ihnen „mitgestalteten Spiritualität" umreißen. 

In einzelnen Klöstern hat die personelle Situation bereits dazu geführt, daß es nicht mehr leicht ist oder auch schon unmöglich erscheint, einem Mitbruder oder einer Mitschwester die Aufgabe des/der Oblatenrektors/in zu übertragen. Auch wenn der Abt selbst aktiv in die Rolle eintritt, ist das nicht unbedingt eine gute Lösung, da dann die Oblaten für ihn nur zu leicht eine „Nebenrolle" spielen. So schmerzhaft die Problemlage ist, so sehr stellt sie die Frage, wie es weitergehen kann. Die schlechteste „Lösung" ist sicher die, die Oblatengemeinschaft aufzulösen, weil eben kein/e Oblatenrektor/in mehr beauftragt werden kann. Nur wenig besser ist die Antwort, irgendeine/n aus der Klostergemeinschaft mit der Aufgabe zu betreuen. Wenn hier und dort die Antwort gesucht wird, eine/n Oblaten/in mit der mittel- oder unmittelbar Aufgabe mit der Aufgabe (und vielleicht sogar dem Titel) des/r Rektors/in zu betreuen, so ist das auf den ersten Blick zumindest „ungewohnt". Es mag bedenklich erscheinen, daß man „so weit" geht, aber vielleicht könnte es auch einfach bedenkenswert sein und ein Nachdenken über die Zukunft initiieren. Ohne die Geschichte der hl. Franziska von Rom als Muster für eine mögliche Entwicklung des Oblateninstituts zu überstrapazieren, darf doch auf sie hingewiesen werden, um mögliche heiße Diskussionen ein wenig abzukühlen. Aus ihrer Oblaten-Nähe zum benediktinischen Olivetaner-Konvent auf dem Forum Romanum erwuchs das selbständige Ordensinstitut der „Oblatinnen der hl. Franziska von Rom des Klosters Tor De‘ Specchi", das inzwischen fast 600 Jahre existiert. 
Unabhängig davon, wie sich das Oblateninstitut entwickeln wird, zeigt schon die bisherige Entwicklung, daß die Beziehung zwischen Kloster und „Welt" nicht mehr eine Einbahnstraße ist, sondern ein wechselseitiges Geben und Nehmen. Diese dialogische Struktur vom „Drinnen" zum „Draußen" und vom „Draußen" ins „Drinnen" ist für die Klöster selbst, die sich ihrer bewußt werden und sind, eine Bereicherung. Hier dürfte eine besondere Aufgabe und Chance für die Klöster und ihre Oblatengemeinschaften liegen.